Frankfurt, decoded...
20.000 Jahre Kulturgeschichte und dann...? (Frankfurt a.M., nightview, 2008)
Die Nacht mit ihrem dunklen Schleier, verhüllt in Blauschwarz die post-post-moderne Helligkeit des Tageslichts der „brave, new days“ unserer urbanen Agglomerationen. Umschließt in sanftem Griff die Plätze, Strassen, Gassen unserer Orte. Verschluckt die Zeichen alltäglicher, menschlicher Geschäftigkeit mit allumfassender Dunkelheit, aus der die Lichter unserer Zivilisation wie die Herdfeuer der Höhlenmenschen in die Nacht scheinen. Jede Laterne am Straßenrand, jede „Lichtsignalwechselschaltanlage“ oder auch Verkehrsampel, jedes warme Licht das aus den Fenstern der Wohnungen und den Stockwerken der Großraumbüros in die Nacht hinausstrahlt, ein Funken der Flamme, die seit Jahrtausenden als brennende Fackel im Sturm der Zeit und den rauen Wettern der Geschichte unsere Kultur und ihre Zivilisation symbolisiert.
 
So haben „intelligente“ Glasstahlwände mit digitaler Sensortechnik die naturbelassenen und unbehauenen Felswände der zufällig entdeckten Höhlen abgelöst, die unseren Vorfahren als Behausung dienten. Strom- und Gasanschluss ersetzen uns Herdfeuer, das ranzig stinkende, schlechtgegerbte Fell der Jagdbeute ist lange schon mannigfaltiger Kleidung aus unzähligen Materialien gewichen, selbst unsere Kleider beginnen heute schon „intelligent“ zu werden.
 
Wir können quasi von jedem Punkt der Erde an jeden Punkt unseres Kosmos schauen, hier auf Erden auch hören, realtime, und so informativ zu jeder Zeit an jedem Ort sein. Und überall stehen zunehmende Denaturierung bzw. Einhegung und Kontrolle der Natur und ihre artifizielle Bezwingung mit der Menge der uns aktuell an einem bestimmten Ort im Raum zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehenden Informationen in reziproker Beziehung.
 
Will heißen, unsere erwähnten Vorfahren kamen kaum vom Fleck, hatten nur ein hier und jetzt, ihre naturbelassene Umwelt, und darüber wussten sie relativ wenig bis nichts. Wir leben in künstlichen Räume und in bezwungenen Territorien von Restnatur, jedoch können wir uns zumindest sensorisch nahezu überall auf der Welt unbegrenzt „umschauen“ und jederzeit theoretisch alles was der Menschheit an Informationen zur Verfügung steht nutzen. Doch die Nacht verhüllt all diese Dimensionen wenn nur noch das Licht sich gegen die Natur der Nacht, die Dunkelheit zu stemmen vermag. So ängstigt die Nacht viele Menschen auch noch unserer Tage, trotz der kulturellen Entfernung die wir über die Jahrtausende von den Höhlen zurückgelegt haben.
 
Die Urangst vor Kälte, Dunkelheit, und vor der mit dieser undurchdringlichen Schwärze heranrückenden Todesgefahr, durch die nachtaktiven Jäger die im Schutz der Dunkelheit auf ihre Beute lauern. Und auch später als die Menschen sich die Natur „Untertan“ gemacht hatten, und die wilden Tiere in die großen Wälder zurückgedrängt waren, war die Nacht noch immer eine Quelle der Verunsicherung. Das wache Auge der schützenden Gemeinschaft schlief und die Schatten der Dunkelheit bedrohten das fragile Gewebe sozialer Regeln und Übereinkünfte in jedem Moment. Plünderung, Brandschatzung, Raub, Vergewaltigung, Mord. Was schon am Tage nur mäßig zu bändigen war in einer Zeit roher Bräuche und einfachstem Leben, brach in der Nacht mit voller Wucht über die Ansammlungen der Hütten und Häuser der Städte und verstreuten Dörfer herein. Wie unzählige, grobschlächtige, eisenbewährter Stiefel, die den dünnen Firn der Zivilisation unter den Kettengliedern ihrer Panzerung zertrampeln.
 
So wurde der Mensch zu seinem eigenen Jäger, der Starke oder schlicht jene die sich dafür hielten, als blutgieriger Angreifer, die Schwachen und Schwächsten der Menschen als die Beutetiere dieser „neuen“ Gefahr.
 
So gelang es uns, bei all unserer Kultiviertheit mit unserem selbstgewählten Handeln im Reich des Kreaturhaften, der tierischen Natur zu verharren, gefangen in den Schemata von Jäger und Beute. Der Mensch wurde des Menschen ärgster Feind und wie der tierische Jäger sucht auch der Mensch den taktischen Vorteil der Überraschung und meuchelt sein Opfer aus der Dunkelheit heraus.
 
So schafften wir es den Schrecken der Nacht in unseren Herzen zu bewahren, angefeuert von den Propagandalügen über die „Untaten“ von Frauen und Männern die als Hexen verunglimpft und zu Tausenden gemordet wurden, über die verdrängte Libido der grausigen Schrecken von Werwolf- und Vampirgeschichten und ihrer gegenwärtigen Nachfahren, den vielfältigen, Grusel- Horror- und Schreckgeschichten in allen Medien. Jedoch, glücklich zu nennen sind wir, die wir heute leben, denn wir können es ja besser machen;). So erscheint die Schönheit der Nacht uns auf so vielen Fotografien, auch hier unter den Phlogs, und zeigt welch wunderbare Wahrheiten die schwarze Schönheit der Nacht doch für unsere Sinne bereithält wenn wir nur fähig sind sie wahrzunehmen...
 
Und ab und an blitzt dann aus der Dunkelheit ein helles Licht der Erkenntnis auf, das uns ein wahres Bild unserer selbst im dunklen Spiegel der Abwesenheit von Licht zeigt.
 
In diesem Sinne „carpe noctem“;).
 
Und weiterhin allen 1 schöne Woche!
 

Euer Bürger W.
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Kommentare | 1 bis 5 von 5 Kommentieren
14.11.2008 | 20.54 Uhr | Roeschen Für Dich:
 
"Die Nacht
droht
 
mit ihrem
kleinen Tod
 
Gespenster des Tages
hüllenlos
und voll des Klages
 
Gesichter schemenhaft
vor meinem Auge
 
und vieles
hab ich nicht geschafft
 
Stille umhüllt
meinen Geist
 
Gefühle
als wär ich vereist
 
gebe mich hin
an die Macht der Nacht
 
wer jetzt wohl
über micht wacht?"
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14.11.2008 | 16.49 Uhr | Roeschen In der Schönheit der Nacht die Welt erkennen, schöner Gedanke und sich selber.-)
 
tschüss
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14.11.2008 | 16.48 Uhr | Roeschen Sag mir, was du trägst, und ich sag dir, wer du bist. Und auch das stimmt in diesem Sinne nicht.
 
Ohne Dunkelheit kein Licht,-)
 
Viele Grüße aus Köln
 
Röschen
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14.11.2008 | 16.47 Uhr | Roeschen Drängeln sich in die Träume, machen uns Angst, wollen uns von unserem Weg abbringen, in Versuchung führen. Kaum ein Auge nimmt sie noch wahr, sie zu schauen und keine Angst zu haben, ist ein langer Weg.
 
Ja, der Mensch kann so gesehen, überall auf der Welt sein durch die FLut der Informationen, doch was nutzt es ihm, nichts. Es ändert nichts an seinem konkreten Dasein, dort müssen die eigenen Probleme bewältigt werden.
 
Vieles der ganzen Informationsflut über die Schöpfung, Bilder, alles liegt offen, hat dem Menschen die Phantasie genommen. Nichts ist mehr geheimnisvoll, oder? Selber entdecken, sich selber ein Bild machen, ist ja schon gar nicht mehr nötig, weil alles vorgegeben ist.
 
Das ist ja mal ein interessanter Gedanke, Kleidung kann intelligent sein, Das stimmt doch irgendwie, man legt sich bewußt für bestimmte Zwecke Kleidung zu, verdeckt, wer man wirklich ist. Das war mit den Fellen doch anders. Jeder hatte dasselbe Fell, ein bißchen variiert.
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14.11.2008 | 16.42 Uhr | Roeschen Hallo Bürger,

erst jetzt hab ich diesen Beitrag gelesen, der mich auf viele Weise fasziniert hat, erst einmal die Sprache, dann die Bilder, mit denen DU spielst, Irgendwie erinnert es mich an einen bestimmten Menschen, den ich gar nicht kenne,-)

Die Nacht gefürchtet von allen Menschen. Ich liebe sie die Nacht, All zu gern stehe ich nächstens, wenn ich nicht mehr schlafen kann auf, und stehe am Fenster, schaue einfach hinaus. Ich mag die Stille der Nächte, wenn sie denn dann in der Stadt überhaupt noch wahrnehmbar ist, Aber wenn ich auf dem Land bin, dann kann ich sie noch hören, ja die Stille der NAcht kann man hören.

Wenn es stockduster ist, wie ich es einmal in den vergangenen Wochen in Indien erlebt habe, nichts mehr zu sehen, zu ertasten, dann ist man ganz auf sich selber reduziert und ich glaube, die noch größere Angst des Menschen ist die, sich selber zu begegnen.

Auch die Dämonen, nicht nur der Mensch, kommen in der Nacht, wenn man wehrlos ausgeliefert ist.
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