Es ist unumstritten: ich habe eine ganze Menge von ihm gelernt.
Ich habe mit seinen Augen sehen gelernt, mit seinen Sinnen erleben, mit seinem Geschmack die Stadt gekostet.
Ich hatte gehofft, ihn im Dezember noch einmal in Rom zu treffen. Dort, wo ich ihn immer getroffen habe: bei der „Mama“.
So heißt in Insiderkreisen das kleine Lokal im Stadtteil Trastevere in Rom, wo mittags die Italiener eine Mahlzeit einnehmen und abends der Bär steppt, weil man um sich über Wasser zu halten das „Touristenmenu“ eingeführt hat, lange, bevor es in ganz Rom bekannt wurde.
Mittags aber ist das Lokal in der Hand von berufstätigen Italienern. Wenn ich in Rom war, manchmal beruflich, oft privat, führte mich mein Weg auch immer öfters schon am Mittag zur „Mama“; und da man sich irgendwann schon sehr gut kannte, brachte ich zumindest im Dezember die leckeren „Dolce“ (Süßigkeiten) aus Deutschland mit: Printen, Lebkuchen, Marzipan…
Der alte Italiener saß stets am selben Tisch. In einem gemütlichen Eckchen, nah am Fenster: Vorteil im Sommer, Nachteil im Winter.
Die Mama begrüßte ihn immer mit Hochachtung und Freundlichkeit, brachte ihm ohne großartige Bestellung sein Viertel Weißwein und einen Krug Wasser. Wechselte ein paar Worte mit ihm, nickte freundlich und gab dann lautstark die „Bestellung“ in die Küche weiter.
Es war nie die Bestellung einer Mahlzeit, die man auf der Karte des Lokals hätte finden können aber ich merkte das erst mit der Zeit.
Der alte Italiener wurde in dem kleinen Lokal äußerst liebevoll nach seinen Essenswünschen befragt, und wenn es irgend ging, bekam er gekocht, was er sich gerade wünschte.
Seine Wünsche waren bescheiden: so sah ich eine gute Minestrone an seinem Tisch ankommen, und ein andermal einfach nur ein Spiegelei. Manchmal ein Schnitzel oder ein Stück Fisch. Immer Brot und Butter dazu.
Die Freundlichkeit der Mama erwiderte er stets mit einem traurigen Kopfnicken; wenn sie ihn zum Lächeln bringen konnte, war es ein guter Tag.
Es war schön, den beiden zuzusehen. So ging es über mehrere Jahre.
Irgendwann kam ich gerade aus dem Flieger, hungrig, durstig in dem Lokal an. Der alte Italiener saß an seinem Tisch, wie immer. Die Mama bekam ihr Päckchen von mir und umarmte mich stürmisch. Sodann stürmten wie immer alle Frauen aus der Küche, um mich zu herzen und zu begrüßen.
Der alte Italiener verfolgte die Szene amüsiert. Mit der Mama und ihren Bediensteten rede ich überwiegend mit „Händen und Füßen“, und so war es sicher lustig anzusehen.
Die Mama packte das Päckchen aus und entdeckte den Schokoladen-Nikolaus, den ich für ihren Enkel eingepackt hatte. Kurz entschlossen nahm sie ihn und brachte ihn dem alten Italiener. Der war sichtlich irritiert, aber als sie ihm mit vielen schnellen Worten erklärte, was es mit meinem Päckchen auf sich habe, nahm er den „Nikolaus“ voller Rührung in Empfang.
Sodann winkte er mir, ich möge zu ihm an den Tisch kommen. Ups, dachte ich, besser, man hätte mal mehr italienisch gebüffelt…
In einem nahezu perfekten Englisch fragte er, ob ich mich mit ihm in Englisch oder Italienisch unterhalten wolle. Ich war platt!
Von da an entwickelte sich zuerst zaghaft, danach immer rasanter, eine wunderbare Freundschaft. Mich zog es täglich in das Lokal, und zwar mittags, damit ich diesen interessanten alten Mann näher kennen lernen könnte.
Er war Kunsthistoriker. Traurig, dass er so schlecht zu Fuß war, dass er mir seine wunderbare Stadt nicht mehr zeigen konnte.
Aber: er zeigte sie mir mit seinen Erzählungen. Brachte mir Bücher mit ins Lokal, wies mich hin auf Dinge, die kein Tourist je gesehen hat.
Erforschte mit vielen Fragen auch, ob ich seinem Geheiß gefolgt war und die Vatikanischen Museen wirklich mittwochs (dann ist es dort nicht ganz so voll) und frühmorgens besucht hätte. Er ging auch ins Detail: ob ich dies und jenes, das er mir genannt hätte, besichtigt hätte.
Er gab mir Pläne, wie ich nach EUR (eine Art Trabantenstadt vor den Toren Roms) fahren und von dort mit dem Bus weiter zu einem wunderbaren Kloster, sehenswert, fahren möge.
Er gab mir Tipps, die einfach „Gold wert“ waren für jemanden, der die alte und große Stadt Rom erkundet.
Er lebte allein. Nach dem Tod seiner Frau und seiner Pensionierung hatte es sich so ergeben, dass er jeden Mittag bei der „Mama“ essen ging. Samstags gab die Mama ihm Essen mit, weil das Lokal sonntags geschlossen hat.
Einsam sei er, ja, sehr einsam, da er nicht mehr raus könne nicht mehr wirklich seine geliebte Stadt fühlen, schmecken, kosten…
Aber er lebte auf, wenn ich mich zu ihm an den Tisch setzte und er mir Tipps für neue Wege und neue Erkundungen durch die „Ewige Stadt“ geben konnte. Er beschenkte mich mit seinen Erfahrungen.
Wir haben nie schriftlichen oder telefonischen Kontakt gehabt. Wir haben uns immer „nur“ bei der Mama getroffen.
Die „Mama“ hat mir über einen Freund mitteilen lassen, dass der alte Italiener nicht mehr lebt.
Für mich ist damit ein Stück „Rom“ gestorben, ein Stück der Stadt, die ich so liebe. Es wird schwer, im Dezember dort ohne den „alten Italiener“ zu sein. Ich werde aber sein Grab besuchen.
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Danke für das Foto an Paul-Georg Meister (Pixelio)
Erstveröffentlichung in Köln Nov. 08
Ich habe mit seinen Augen sehen gelernt, mit seinen Sinnen erleben, mit seinem Geschmack die Stadt gekostet.
Ich hatte gehofft, ihn im Dezember noch einmal in Rom zu treffen. Dort, wo ich ihn immer getroffen habe: bei der „Mama“.
So heißt in Insiderkreisen das kleine Lokal im Stadtteil Trastevere in Rom, wo mittags die Italiener eine Mahlzeit einnehmen und abends der Bär steppt, weil man um sich über Wasser zu halten das „Touristenmenu“ eingeführt hat, lange, bevor es in ganz Rom bekannt wurde.
Mittags aber ist das Lokal in der Hand von berufstätigen Italienern. Wenn ich in Rom war, manchmal beruflich, oft privat, führte mich mein Weg auch immer öfters schon am Mittag zur „Mama“; und da man sich irgendwann schon sehr gut kannte, brachte ich zumindest im Dezember die leckeren „Dolce“ (Süßigkeiten) aus Deutschland mit: Printen, Lebkuchen, Marzipan…
Der alte Italiener saß stets am selben Tisch. In einem gemütlichen Eckchen, nah am Fenster: Vorteil im Sommer, Nachteil im Winter.
Die Mama begrüßte ihn immer mit Hochachtung und Freundlichkeit, brachte ihm ohne großartige Bestellung sein Viertel Weißwein und einen Krug Wasser. Wechselte ein paar Worte mit ihm, nickte freundlich und gab dann lautstark die „Bestellung“ in die Küche weiter.
Es war nie die Bestellung einer Mahlzeit, die man auf der Karte des Lokals hätte finden können aber ich merkte das erst mit der Zeit.
Der alte Italiener wurde in dem kleinen Lokal äußerst liebevoll nach seinen Essenswünschen befragt, und wenn es irgend ging, bekam er gekocht, was er sich gerade wünschte.
Seine Wünsche waren bescheiden: so sah ich eine gute Minestrone an seinem Tisch ankommen, und ein andermal einfach nur ein Spiegelei. Manchmal ein Schnitzel oder ein Stück Fisch. Immer Brot und Butter dazu.
Die Freundlichkeit der Mama erwiderte er stets mit einem traurigen Kopfnicken; wenn sie ihn zum Lächeln bringen konnte, war es ein guter Tag.
Es war schön, den beiden zuzusehen. So ging es über mehrere Jahre.
Irgendwann kam ich gerade aus dem Flieger, hungrig, durstig in dem Lokal an. Der alte Italiener saß an seinem Tisch, wie immer. Die Mama bekam ihr Päckchen von mir und umarmte mich stürmisch. Sodann stürmten wie immer alle Frauen aus der Küche, um mich zu herzen und zu begrüßen.
Der alte Italiener verfolgte die Szene amüsiert. Mit der Mama und ihren Bediensteten rede ich überwiegend mit „Händen und Füßen“, und so war es sicher lustig anzusehen.
Die Mama packte das Päckchen aus und entdeckte den Schokoladen-Nikolaus, den ich für ihren Enkel eingepackt hatte. Kurz entschlossen nahm sie ihn und brachte ihn dem alten Italiener. Der war sichtlich irritiert, aber als sie ihm mit vielen schnellen Worten erklärte, was es mit meinem Päckchen auf sich habe, nahm er den „Nikolaus“ voller Rührung in Empfang.
Sodann winkte er mir, ich möge zu ihm an den Tisch kommen. Ups, dachte ich, besser, man hätte mal mehr italienisch gebüffelt…
In einem nahezu perfekten Englisch fragte er, ob ich mich mit ihm in Englisch oder Italienisch unterhalten wolle. Ich war platt!
Von da an entwickelte sich zuerst zaghaft, danach immer rasanter, eine wunderbare Freundschaft. Mich zog es täglich in das Lokal, und zwar mittags, damit ich diesen interessanten alten Mann näher kennen lernen könnte.
Er war Kunsthistoriker. Traurig, dass er so schlecht zu Fuß war, dass er mir seine wunderbare Stadt nicht mehr zeigen konnte.
Aber: er zeigte sie mir mit seinen Erzählungen. Brachte mir Bücher mit ins Lokal, wies mich hin auf Dinge, die kein Tourist je gesehen hat.
Erforschte mit vielen Fragen auch, ob ich seinem Geheiß gefolgt war und die Vatikanischen Museen wirklich mittwochs (dann ist es dort nicht ganz so voll) und frühmorgens besucht hätte. Er ging auch ins Detail: ob ich dies und jenes, das er mir genannt hätte, besichtigt hätte.
Er gab mir Pläne, wie ich nach EUR (eine Art Trabantenstadt vor den Toren Roms) fahren und von dort mit dem Bus weiter zu einem wunderbaren Kloster, sehenswert, fahren möge.
Er gab mir Tipps, die einfach „Gold wert“ waren für jemanden, der die alte und große Stadt Rom erkundet.
Er lebte allein. Nach dem Tod seiner Frau und seiner Pensionierung hatte es sich so ergeben, dass er jeden Mittag bei der „Mama“ essen ging. Samstags gab die Mama ihm Essen mit, weil das Lokal sonntags geschlossen hat.
Einsam sei er, ja, sehr einsam, da er nicht mehr raus könne nicht mehr wirklich seine geliebte Stadt fühlen, schmecken, kosten…
Aber er lebte auf, wenn ich mich zu ihm an den Tisch setzte und er mir Tipps für neue Wege und neue Erkundungen durch die „Ewige Stadt“ geben konnte. Er beschenkte mich mit seinen Erfahrungen.
Wir haben nie schriftlichen oder telefonischen Kontakt gehabt. Wir haben uns immer „nur“ bei der Mama getroffen.
Die „Mama“ hat mir über einen Freund mitteilen lassen, dass der alte Italiener nicht mehr lebt.
Für mich ist damit ein Stück „Rom“ gestorben, ein Stück der Stadt, die ich so liebe. Es wird schwer, im Dezember dort ohne den „alten Italiener“ zu sein. Ich werde aber sein Grab besuchen.
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Danke für das Foto an Paul-Georg Meister (Pixelio)
Erstveröffentlichung in Köln Nov. 08
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