Mythos Wald
Mythos Wald vor der großen Stadt - der Stadtwald Frankfurts
Die Prophezeiung
 
Die Wolken zogen spärlich und kaum wahrnehmbar am Firmament dahin. Ein paar Krähen saßen im Geäst eines alten Baumes unweit des Leuchtturms. Langsam aber stetig neigte sich der Tag seinem Ende entgegen und das Abendrot legte sich feurig über das Land.
 
Ein alter Mann kam aus dem Wald und ging im gebeugten Gang, gestützt auf einem knorrig, hutzeligen Stab Richtung Stadt. Hin und wieder blieb er stehen, warf einen Blick zurück auf den Wald. Während die Sonne am Horizont versank, und er den kühlen Wind auf seiner Haut verspürte, vernahm er ein seltsames Rauschen der Blätter. Ein flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht, dann drehte er sich um und sein Weg führte in die Stadt hinein. Vor einem großen Gebäude blieb er kurz stehen und ging durch das Tor. Tak… tak… tak… so hallte sein Stab im Hof wieder. Gerade wollte er die Stufen zum Eingang nehmen, als die Tür auf ging. Eine Halbelfin sah den alten Mann offen ins Gesicht und erblickte nur sein einziges Auge. Vernarbt die Stelle wo einst ein zweites war. „Wolltet ihr in der Verwaltung eure Papiere abholen?“ kam es stockend aus ihr heraus. Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Gutes Kind, als das erste Schiff hier kam, sah ich dich lachend an Land gehen. Viele Monde später ranntest du vor meinen Kindern weg und heute bin ich hier um dir zu sagen, das jene Stimme recht hatte, die dir sagte, es gibt keine bösen Baumgeister. Du erinnerst dich? Lausche den Blättern, denn sie haben einen besonderen Gesang angestimmt.“ Er hielt kurz inne, hob leicht den Arm und schaute an der Halbelfin vorbei in den Himmel: „Hörst du, hörst du die Stimmen mit der untergehenden Sonne singen? Nicht sterben zu können und jeden Tag die Nichtigkeiten des Alltags zu erleben ist grausamer als der Tod selbst. Der Geist in den Bäumen erwachen wird, um das Land zu begehen…“ fuhr er leise fort. Er ging ein paar Stufen hoch, kramte in der Tasche und gab der Halbelfin ein paar Kirschkerne. Verwundert nahm sie diese und sah den alten Mann fragend an. „Auch wenn der Stamm vergeht, der einst die Früchte trug, dessen Leben du in deinen Händen hältst, so bleibt doch sein Geist. Es gibt viele Geschichten… eine davon nun zu hören ist… ich werde weiter ziehen, das Lied der Freude auf der Harfe erklingen wird, bis das die Nacht weicht und den Tag gebärt.“ Er drehte sich um, ging die zwei Stufen hinunter… tak… tak … tak… so war es im Hofe zu hören. Die Halbelfin schaut auf die Handvoll Kirschkerne, dann wieder in Richtung alten Mann, doch da war niemand mehr. Aber noch Worte der Wind zu ihr trug: „Einer meiner Kinder zu dir kommen wird, teile mit ihr die Kerne die dir ich gab. Vergesse es nicht.“ Wiederholt sah sie die Kerne an. Sieben zählte sie.
 
Nachdenklich schloß sie die Tür hinter sich und begab sich nach hause. Unterwegs blieb sie öfters stehen als sonst, aber diesmal nicht um mit den Bürgern zu reden. Als sie wieder stehen blieb, glaubte sie Stimmen zu hören. „Hast du des Einäugigen Wort gehört?“ „Ja, der Moment ist da, wo Lydia tanzt.“ Die Halbelfin schaute sich verunsichert um, doch nicht eine Seele sah sie, die diese Worte hätten sprechen können. Sie schüttelte leicht den Kopf. „Seltsames geschieht“ murmelte sie und tauchte in den verwinkelten Gassen unter.
 
***
 
Irgendwo zwischen waldigen Hügeln auf einer Lichtung…
 
Wie das Gras in der Weide bewegte sich eine grünhäutige Gestalt in der Mitte des Kreises. Hin und her wogte sie anmutig im Takt der Gesänge, die vom Wispern der Bäume hervorzuquellen schienen. Hier, auf der Lichtung stand ein einzelner Baum, um den sie herum- und hindurchwirbelte, als sei sein viele Meter umschließender Stamm nicht fester als die ihn umgebende Luft. Undeutlich konnte man erkennen, daß noch jemand bei ihr war, doch auch diese Gestalt schien von der Musik in völlige Ekstase geführt worden zu sein. Die junge Frau hob ihre grünen Arme in die Höhe, und im Schein der untergehenden Sonne glänzte ein großer Samen, den sie behutsam vor dem großen Baum in den Boden legte…
 
***
 
Die Lichtung war mit frischem Laub bedeckt, und die Sonne tauchte die Krone des einsam stehenden Baums in ein feuriges Rot. Längst war das Fest nicht mehr, doch regte sich unter dem Baum etwas. Die grüne Gestalt der vergangenen Woche trat aus dem Baum hervor und strich das ein wenig Laub auf dem Boden beiseite. Darunter war eine junge Frau zu sehen, die jener über ihr im Aussehen beinahe gleich erschien, jedoch entsprang ihrem Nabel ein Band, das sie mit dem Boden verband. Lächelnd strich die Kniende über die Stirn der Liegenden.
 
Ein klares grünes Licht umspannte die Berührung von Hand und Stirn, und plötzlich hob und senkte sich die Brust der Liegenden.
 
Dieser Moment schien etwas feierliches zu haben, denn sie rief einen Namen zu den Bäumen hin, und beinahe schien es, als höre sie von dort Antwort auf die “Taufe” ihres Sprosses.
 
***
 
Wahrscheinlich war es immer noch das Kind, daß damals getauft worden war, doch war es schwierig Mutter von Tochter zu unterscheiden. Doch die Art in der die andere mit ihr sprach machte deutlich, daß sie es sein mußte.
 
“Mein Kind, die Welt dort draußen wird deine Hilfe zu schätzen wissen, doch manchmal werden sie dich auch verfluchen. Stehe über diesem, dann wirst Du dich nicht so sehr grämen müssen, wie ich es einst tat. Und denke daran, daß du niemals deine Seele für immer mit Sterblichen verbindest, auch wenn du sie lieben wirst. Und lasse sie niemals spüren, daß sie in ihrer Entwicklung noch nicht so weit sind, wie du, denn sie werden es nicht verstehen. Sei weise in deinem Handeln, dann werden sie Dir zuhören. Sei behutsam in deinem Vorgehen, und sie werden sich dir nicht verschließen. Sei achtsam mit ihnen, denn ihr Leben ist so heilig wie alles Leben, selbst wenn Du ihre Beweggründe oft nicht verstehen wirst. Sie werden auch dich oft nicht verstehen.”
 
„Du willst mich alleine lassen?“
 
„Nein“ und ein Lächeln huschte über die Ältere. „Wie könnte ich, bin ich doch du. Es ist an der Zeit das du deine Hände öffnest und los läßt. Auch ich tat es vor langer, langer Zeit. Der Segen bist du, ein Pflänzlein was in mir gedeihte und nun durch dich weitergereicht wird. Und dieses Pflänzlein ist erwachsen geworden, schaukelt seine Blätter im Wind, zieht als freie Seele seine Kreise, wir der Falke über den Wipfeln der unendlichen Wälder. Der Wind wird von ihm eine Feder lösen, und sie wird zu deiner Wurzeln niedersinken. Dann wirst du erkennen, wie frei du bist. Dann werdet ihr euch wie Geschwister die Hände reichen, während mein Lied weiter in euch auf der Erde schwingt.
 
***
 
Das Loslassen
 
Summend begab sich Danae zu ihrem Baum. Für einen Moment hielt sie inne mit dem leisen Gesang und blinzelte in das Abendrot. Sie dachte an die zurückliegende Zeit. Dabei huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie dachte an ihre Mutter Lydia, an die Erzählungen über ihre Geschwister und auch daran, was ihre Mutter ihr mitgab. Sie nickte kaum merklich vor sich hin und murmelte: „Morgen werde ich die Hand öffnen, so wie sie es mir sagte, und dann, dann werden die Wiesen erblühen und die Schmetterlinge über ihnen hinweg tanzen.“ Zielstrebig ging sie über die große Lichtung zu ihrem Baum, der ihr Schutz, Trost und Leben gab. Sie breitete die Arme aus und langsam wiegte sie sich im Takt zu einem Lied, das ihre Mutter immer sang:
 
Eins nach dem anderen fallen meine Blätter.
Eine nach der anderen werden meine Geschichten erzählt.
Ich bin du und du bist ich.
Als ich geschaffen wurde, erschuf sie auch dich.
Entstanden aus der Frucht der Früchte,
aus den Rosen und den Blumen der Hügel,
aus den Blüten der Bäume und Sträucher,
aus den Blüten der Nessel.
 
Sie legte sich an seine Wurzel nieder und schlief ein. Der Morgen kam, die Vögel sangen den Willkommensgruß an alles Leben. Danae blinzelte in die Sonne, rieb sich die Augen, erhob sich langsam und umarmte ihren Freund, den Baum. „Nicht traurig sein, wenn ich nicht mehr immer hier sein kann. Deine Wurzel im Erdreich mich berührt, egal wo ich bin. Aber du weißt was Mutter sagte. Es gilt nun aufzubrechen.“ Sie berührte noch einmal seinen Stamm, fuhr mit ihren Fingerspitzen durch die Rinde und hüpfte dann ausgelassen über die Lichtung Richtung Wald. Unter ihren Schritten lösten sich kleine Löwenzahnpollen und trieben über die Lichtung. Es war schon Mittag als Danae das Ende dieses Waldabschnittes erreichte. Sie blieb stehen und sah verwundert auf die Felder, die sich vor ihr ausbreiteten. Das Korn wiegte sich im leichten Wind und in der Ferne erhoben sich große Steinmauern. Dahinter lugten viele Dachgipfel hervor. Langsam, und voller Neugier ging sie in Richtung der großen Stadt…
 
Veröffentlicht: Seelentanz / Mitautor Pia-Veliah
 
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Der Mythos Wald. Geschichten reihen sich an Geschichten. Auch unser Stadtwald in Frankfurt, oft wie Dreck behandelt, wenig zur Kenntnis genommen, als Nutzwald seine Pflicht erfüllend, erzählt Geschichten. Man muß nur stehen bleiben und lauschen...
 
(siehe Feentanz / Lokales )
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Kommentare | 1 bis 2 von 2 Kommentieren
21.06.2009 | 22.25 Uhr | Achillesferse Came upon an ancient forest
A guiding power had led me there
Walking through the mystic forest
The legend, tale of times gone by.
 
Once its whisper in the black night
Reflection deep in wooded lands
A floating mist that circles shadows
A legend, tale of times gone by.
 
Giant trees are are falling night and day
For many years and ages past
Will they ever share the answer
Of legend, tales, and times gone by?
 
Walking through the mystic forest.....
I'm walking through the mystic forest
 
Clannad
aus dem Album: Anam
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21.06.2009 | 21.44 Uhr | Achillesferse wow!
"Fabelhaft" und fantastisch geschrieben!
manche Textpassagen habe ich zweimal gelesen.
 
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